Desktop Publishing und Bildbearbeitung unter Linux - ein schlechter Witz!
- Verfasst von Sushi am 13. August 2008, 19:14 unter Boah ey!, Computer, Netz & Co
Ich bin gelernte Schriftsetzerin und habe jahrelang mit QuarkXPress und Photoshop gearbeitet. Ich will nun nicht behaupten, dass ich die Möglichkeiten beider Programme bis aufs letzte ausgereizt habe, beileibe nicht. Grad in Photoshop besitze ich allenfalls rudimentäre Kenntnisse in Bildbearbeitung - wir hatten in der Firma halt bestimmte Aufgabenfelder und Vorgaben, in deren Rahmen man sich bewegt. Nichtsdestotrotz kann ich behaupten, in der Materie drin zu stecken (gearbeitet habe ich mit allen vier Programmen) - und deshalb erlaube ich mir auch folgendes vernichtendes Urteil: Wer sich unter Linux mit DTP und Bildbearbeitung beschäftigen will, der kriegt das Kotzen! Wer behauptet, Scribus wäre wie QuarkXPress und Gimp wie Photoshop, der hat mit den Profi-Programmen echt noch nicht gearbeitet. Fangen wir mal mit Scribus an… Dieses Programm ist - gelinde gesagt - eine unbenutzbare Katastrophe! Intuitives Arbeiten ist einem Quark-Anwender in keinster Weise möglich. Klar, nun wird man sagen, dass man sich in jedes neue Programm einarbeiten müsse. Richtig, seh ich genauso. Der Scribus-Kenner wird nun auf die vielen professionellen Funktionen (Farbmanagement, PDF-Erstellung usw.) hinweisen und…ja…das ist ja auch alles ganz toll. Grundlegend sollte man aber mit einem DTP-Programm vor allem eines können: Dokumente erstellen! Und das geht eben nicht wirklich bzw. nur mit elendigem Rumgefrickel. Das fängt schon beim Text-Editing an. Textrahmen aufziehen, Text reintippen, Text formatieren - so läuft das normalerweise. Die ersten beiden Schritte sind auch für Quark-Kenner noch ganz einfach zu erledigen, bei Punkt drei gehts aber los. Während man in Quark so “hübsche” Funktionen wie “Abstand vor” hat, die (erklärt sich fast von selbst) ausgewähltem Text bei Absätzen einen Abstand nach Wunsch zuweisen (ist in einem Dialog komfortabel und akut einzustellen), so muss man in Scribus den Storyeditor aufrufen, einen neuen Absatzstil fest einrichten, diesen dann im Storyeditor anwenden (muss dann für jeden Absatz extra definiert werden) - kurz gesagt: geht gar nicht!
Auch die Palette “Eigenschaften” ist phänomenal beschissen. Dort hat man Einstellungsdialoge für Rahmen, Farben, Bilder, Text, Linien usw. zusammengefasst und klickt sich regelmäßig den Wolf, wenn man etwas einstellen möchte. Welcher Vollidiot hat sich das bloß ausgedacht? Und warum hat man sich bei der Entwicklung von Scribus nicht mal an gängigen Programmen (z. B. QuarkXPress oder auch InDesign) orientiert, die es allesamt besser machen. Ja, natürlich, die kosten nen Haufen Geld und sind tatsächlich für den professionellen Anwendungsbereich gedacht - Scribus hingegen ist ja ein Hobby- OpenSource-Projekt, das der geneigte User für Umme bekommt, und da darf man ja bekanntlich keine Ansprüche stellen (bekommt man von OpenSource-Schlaumeiern und -Jubelpersern in diversen Foren immer wieder aufs Brot geschmiert…haha!). Dann sollte man aber eben auch nicht sein Bastelprodukt übern grünen Klee loben…
Zitat von der Scribus-Homepage:
Scribus is an open-source program that brings award-winning professional page layout to Linux/Unix, MacOS X, OS/2 and Windows desktops with a combination of “press-ready” output and new approaches to page layout. Underneath the modern and user friendly interface, Scribus supports professional publishing features, such as CMYK color, separations, ICC color management and versatile PDF creation
Die “new approaches” und das “modern interface” (von “user friendly” mal ganz abgesehen) lieber gegen Altbewährtes tauschen, das täte vor allem Fachleuten gut, die lieber mit dem Pinguin arbeiten (würden).
Kommen wir nun mal zu Gimp, das - im Vergleich zu Scribus - besser abschneidet. Wirklich benutzerfreundlich ist aber auch das Bedienkonzept von Gimp nicht (Fanboys sagen immer, es wäre halt “anders”…ja nee…). Das, was Photoshop unter anderem so komfortabel macht, ist das Arbeiten mit Ebenen (ja, geht natürlich auch mit Gimp) und die vielseitigen Möglichkeiten, die man für die Ebeneneinstellung hat (als Stichwort hier nurmal die “Ebeneneffekte” genannt). Selbiges gilt für das Arbeiten mit Text - auch wenn Photoshop als Pixelprogramm eben kein zweites QuarkXPress wird. Unter Gimp ist beides ein blödes Gehampel und funktioniert auch nicht wirklich berauschend. Und ein weitere - für den Profi wichtige - Funktion ist immer noch nicht drin, obwohl man angeblich seit Jahren dran arbeitet: CMYK-Unterstützung! Letztens habe ich versucht, eine Bildvorlage als Strichscan zu bearbeiten und in Scribus zu laden. Das Scannen stellte kein Problem da, beim Öffnen in Gimp bzw. beim Laden des Bildes in Scribus merkte ich aber den Unterschied: In Photoshop gibts 3 Modi: Bitmap (Strichvorlagen, also nur schwarz oder weiß, Graustufen und Farbe - CMYK oder RGB). Lädt man ein Bitmap-Bild in Quark, ist nur das, was im Bild schwarz ist, sichtbar. Das, was im Bild weiß ist, wird unsichtbar - praktisch, wenn man die Strichvorlage auf einen farbigen Hintergrund legen will - ebenso praktisch, wenn man einfach nur der Strichvorlage in Quark eine Farbe zuweisen möchte. In der Gimp/Scribus-Kombination war beides wieder mal nur mit elendigem Gehampel möglich. Ich habs ausprobiert (bzw. ausprobieren müssen), als ich Bens Geburtsanzeige zusammengebastelt und per PDF zu meiner Firma geschickt habe. Glücklicherweise hab ich in den ein oder zwei Mini-Workshops in meiner Firma zum Thema “PDF als Druckvorlage” einigermaßen aufgepasst, sonst wäre die Anzeige wohl NIE erschienen. Ich musste nämlich erst umständlicherweise bei den eingescannten Vorlagen einen Beschneidungspfad in Gimp erstellen, das Einfärben der Vorlage wurde dann in Scribus vorgenommen. Fand ich irgendwie ganz schön dubios…
Was ich mit dem ganzen Geseiere nun sagen will? Da in Linux-Foren immer wieder die Frage von Umsteigern kommt, ob die beiden OpenSource-Programme für den professionellen Bereich taugen, möchte ich hiermit kundtun: NEIN! Sie mögen für den unbedarften Heimanwender rudimentär brauchbar sein, für Profis jedoch sind Gimp und ganz besonders Scribus total für’n Arsch!
14. August 2008 um 08:23 -
Köstlich, sehr schön geschrieben. Das eigentlich tragische an der Sache ist ja, dass die angesprochenen Dinge auch auf viele, viele andere OSS Programme zutreffen. Und was viel schlimmer ist: Was schlecht ist wird immer unter dem Deckmäntelchen von “Freiheit”, “Open-Source” oder einfach nur “es ist anders” versteckt.
14. August 2008 um 12:54 -
Zum Glück gibts ja auch positive Beispiele. Wenn ich demnächst mal Zeit finde, schreib ich vielleicht auch mal darüber was…
15. August 2008 um 00:00 -
Ich kann den Frust versehen. Ich hatte erst vor kurzem eine Diskussion über FOSS, wo es genau darum ging. Das Problem ist das viele einfach Scheisse rausbringen. Das Problem liegt aber auch bei den Distributoren, von Qualitätssicherung scheint mittlerweile niemand mehr was zu halten. Dann kommen auch Applikationen in die Distri rein die einfach unbenutzbar sind, Hauptsache die Distri aufgebläht auf X Pakete.
Die einzigen jüngeren positiven OSS Gewächse in jüngerer Zeit waren für mich der lighty, auch wie sich das Koffice Paket zum wirklich positiven entwickelt hat. Dann wird es aber schon dunkel im Wald und der Mist häuft sich.
Leider. :-(
17. February 2009 um 02:47 -
Tja, mein lieber Karl, WENN man aber die grundlegenden Kenntnisse besitzt (und das unterstelle ich mir nach 13 Berufsjahren als Schriftsetzerin dann schon), dann müssen die Open-Source-Pendants von Quark und PS sich schon den Tütensuppen-Luxusdinner-Vergleich gefallen lassen. Rückwärts einparken kann ich übrigens auch…
15. October 2010 um 16:57 -
Was Scribus anbelangt, stimme ich Sushi zu. Da macht Arbeiten keine Freude, weil das Projekt OSS-typisch mehr Wert auf Modulfunktionen als auf flüssige Bedienbarkeit gelegt hat. Beim GIMP allerdings hat sich zwischenzeitlich einiges getan in Sachen Bedienbarkeit und Übersichtlichkeit. Mittlerweile nehme ich Photoshop nur noch für wenige spezielle Funktionen und arbeite fast nur noch mit dem GIMP, während das vor zwei, drei Jahren noch umgekehrt war.
7. July 2011 um 21:06 -
Hallo Leutle,
nachdem ich mir hier nahezu jeden Senf durchgelesen hab, stimme ich Sushi fast in allen Punkten zu.
Ich denke ein Scribus mit Quark zu vergleichen grenzt schon an Blasphemie. Selbst für den eher kleineren und privaten Anwender, der mal einen Flyer für ne Party, oder für nen Flugtag machen will, gibt es keine ernste Alternative. Ich habe hier mehr oder weniger alles durch getestet um einen mehrseitigen Flyer zu setzen. Hab’s mit Scribus versucht, mit Inkscape und Xara. Alles nicht tauglich, bzw. erst garnicht möglich!
Photobearbeitung bei Gimp und das dann Webtauglich machen und mal mit Ebeneneffekten arbeiten, “Fehlanzeige”. Alles von hinten nach vorne ins Auge.
Es geht eben nichts über ein Quark, Photoshop, oder sogar Corel (hier werden mich die Profis schlagen).
Diese Tools waren für mich jahrelang der Hinderungsgrund, warum ich nicht auf Linux umgestiegen bin. Jetzt, nachdem aber mein wichtigstes Werkzeug, “Lotus Notes”, auf Linux so super läuft, habe ich es doch getan und ich bin insgesamt mehr als zufrieden.. Die anderen Tools hole ich mir über ne V-Box aufs System. Das ganze in Wine laufen zu lassen, geht nämlich auch nicht so ganz trivial, wie man uns in diversen Foren glauben machen will. Ich zumindest hab’s ned hin bekommen und ich bin kein DAU!
Liebe Linuxgemeinde. Lasst Euch doch endlich mal was gescheites einfallen. Darf ja auch Geld kosten. Aber es muss halt funktionieren.
Griasle von dr Ostalb!!
7. July 2011 um 21:13 -
Mein lieber BeckerAA,
danke für Deinen Zuspruch. Ich habe erst letztens wieder mit Scribus und Gimp gearbeitet, und fast die Kriese bekommen. Gimp ist noch halbwegs erträglich. Es ist zwar recht unhandlich, aber man kann bisweilen etwas damit erreichen. Scribus hingegen ist immer noch dieselbe unerträgliche Plage, die es bisher war.
Die Export-Funktion(en) für PDF und Co liefern zwar super Ergebnisse, aber das ist fast marginal, weil der eigentliche Job damit so gut wie gar nicht erledigt werden kann. Vieles kann man in OpenOffice bzw. (inzwischen) LibreOffice wesentlich effektiver bewerkstelligen - und ich gehöre definitiv zu den Leuten, die Oo total Panne finden vom Workflow und der UI her betrachtet.
Also bitte: Her mit Photoshop und InDesign (mit dem ich im Übrigen noch nie gearbeitet habe) für Linux. Alles andere ist…Wurst!